Ein Prak­tikum, das mehr war als ein Ein­satz

 

Es gibt Men­schen, die betreten einen Raum, und ohne dass sie es merken, verän­dert sich etwas. Die Stim­mung wird leichter, die Gespräche wärmer, das Lächeln ehrlich­er. Ros­alie ist genau so ein Men­sch.

Als sie im Okto­ber zum ersten Mal die Tür zur Tage­spflege öffnete, wirk­te sie noch ein wenig unsich­er. Die Mappe unter dem Arm, die Haare ordentlich zusam­menge­bun­den, der Blick neugierig und vor­sichtig zugle­ich. Nie­mand ahnte in diesem Moment, dass diese junge Prak­tikan­tin in den kom­menden Monat­en zu einem stillen, aber wichti­gen Teil des Haus­es wer­den würde.

Schon in den ersten Tagen fand sie ihren Platz. Sie set­zte sich zu Her­rn R., der ger­ade dabei war, seine Geschicht­en aus dem Gärt­ner­leben zum Besten zu geben. Während andere manch­mal ungeduldig wur­den, hörte Ros­alie zu — wirk­lich zu. Und Herr R. blühte auf wie eine sein­er Rosen, sobald sie den Raum betrat.

Im Novem­ber bastelte sie mit den Gästen die ersten Lat­er­nen. Ihre Hände waren geschickt, aber noch viel geschick­ter war ihre Art, Men­schen mitzunehmen. Frau M., die son­st oft still blieb, lachte an diesem Nach­mit­tag zum ersten Mal seit Langem, weil Ros­alie ihr zuflüsterte: „Ihre Lat­er­ne ist die schön­ste — sie leuchtet sog­ar ein biss­chen wie Sie.“

Im Dezem­ber, als der Duft von Plätzchen durch die Räume zog, war Ros­alie längst angekom­men. Sie verteilte Schürzen, half beim Ausstechen und sorgte mit einem Augen­zwinkern dafür, dass der Teig nicht nur genascht, son­dern auch geback­en wurde. Am Ende des Tages waren die Bleche voll — und die Herzen auch.

Als sie im Jan­u­ar zu ihrem let­zten Block zurück­kehrte, war es, als würde ein ver­trauter Klang wieder ein­set­zen. „Da ist unser Son­nen­schein wieder“, rief Frau B. und nahm Ros­alie bei der Hand, als hätte sie nur kurz gefehlt.

In diesen Monat­en hat­te Ros­alie etwas Wichtiges gel­ernt: dass man in der Tage­spflege nicht ein­fach „mitläuft“. Man berührt Men­schen — und wird selb­st berührt. Und als sie sich ver­ab­schiedete, sagte sie leise, fast mehr zu sich selb­st als zu den anderen:

„Ich glaube, ich habe hier mehr gel­ernt, als ich je erwartet hätte.“